Fr, 22. April 2016

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19:30 Uhr

Flüchtlingsgespräche II

„Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so eine einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“ Bertolt Brecht

„Die Erfindung der deutschen Grammatik“
„Abu Jürgen“

Gäste: Rasha Abbas, Assaf Alassaf
Moderation: Thomas Böhm
Sprecher: Bettina Kurth und Thomas Hübner
Musik: Demian Kappenstein

Übersetzung: Sandra Hetzl
Veranstaltung in deutscher und arabischer Sprache.

Mit den Flüchtlingsgesprächen II setzen wir unsere bereits letztes Jahr, in Anlehnung an Brechts gleichnamige Geschichte, begonnene Begegnungsreihe mit syrischen Autorinnen und Autoren fort.

Im Gegensatz zu 2015 beschäftigen sich unsere beiden diesjährigen Premierenschriftsteller, Rasha Abbas und Assaf Alassaf, nicht in erster Linie mit ihren Beobachtungen syrischer Zustände vor und während des Krieges, sondern mit Deutschland als tatsächliche respektive sehnsüchtig erwünschte Heimstatt.

Rasha Abbas’ Kurzgeschichten in Die Erfindung der deutschen Grammatik sind Literatur vom Schlage einer Freakshow im Teigmäntelchen eines Cartoons. Sie sind voller popkultureller Referenzen und selbstironische Persiflage auf das Ankommen in Deutschland. Scharfzüngig und mit wachem Geist seziert die Schriftstellerin in ihrem im März dieses Jahres erschienenen Buch die Vielschichtigkeit und Ambivalenz zwischen den Kulturen, zwischen Flucht und Refugium, zwischen gewolltem Heldentum und ungewolltem Martyrium. Fies, lustig und oft ziemlich surreal.

Ähnlich wie Mark Twain im Essay „The Awful German Language“ nähert sich Abbas der verflixt komplizierten deutschen Sprache und deutschen Strukturen mit scharfzüngigem Humor und herzzerreißender Verzweiflung. Sie verwebt die normalen Erfahrungen des Einlebens in Berlin gekonnt mit anderen Genres: Slapstick, Zombiefilm, Cartoon und Computerspiel. Mit der Narrenkappe ausgestattet erzählt sie die „Wahrheit“ über „uns Deutsche“, aber auch über „die Flüchtlinge“, zeigt wie wuchtig Fluchtliteratur sein kann und: klingt dabei so verdammt nach Berliner Göre – mit akademischem Hintergrund, aber das ist ja kein Widerspruch.

„(…) Okay, vielleicht ist es nicht seit jeher mein Traum gewesen, die deutsche Sprache zu lernen. Genauer gesagt kam mir Deutsch eigentlich immer fremd und total abwegig vor. Damaskus war ein Paradies für Piraterie, in dem keine Copyrights für irgendetwas existierten. Man konnte dort jede nur erdenkliche CD zum Spottpreis von 50 syrischen Pfund bekommen, was in etwa einem US-Dollar entspricht. Deshalb konnte ich mir die Gewohnheit leisten, alles zu kaufen, was mir an CD-Sprachkursen unter die Finger kam. Ich hatte wirklich jedes Mal die Hoffnung, all diese Sprachen zu lernen, lernte aber am Ende immer nur die erste Lektion, bevor sich die CD im kreativen Chaos meines Zimmers auf Nimmerwiedersehen verlor. So sammelte sich bei mir nach und nach ein seltsamer Wortschatz verschiedenster Fremdsprachen an, je nachdem, was die erste Lektion des jeweiligen CD-Sprachkurses enthalten hatte.

Auf Italienisch, wo es bei Lektion eins um Essen und Trinken ging, weiß ich beispielsweise, wie man ‚eingelegte Gurken‘ und ‚Bohnen‘ sagt, ich kenne auch noch ein paar Obstsorten, kann aber keinen einzigen Satz bilden. Bei der Spanisch-Lern-CD hieß die erste Lektion ‚Im Hotel‘. Diese spanische CD war allerdings etwas merkwürdig. Die Figur, die einem die Lektionen präsentierte, war eine Art Hund, der einen mexikanischen Hut trug. In der ersten Lektion lernte man, wie der Hund in einem Hotel ein Zimmer für eine einzige Nacht reserviert, aber ohne Bad, denn er konnte ja, wie es hieß, ’nach draußen gehen und den Wasserschlauch auf der Straße benutzen‘. Diese Informationen nutzten mir überhaupt nichts. Nicht einmal, wenn ich die Geschichte spanischsprachigen Leuten erzählte, um das Eis zu brechen, denn die fanden das immer überhaupt nicht lustig.

Vom Hebräischen habe ich beispielsweise Teile der Thora auswendig gelernt – aus mysteriösen Gründen mit amerikanischem Akzent. Vom Französischen habe ich ein paar Fragesätze gelernt, und als ich schließlich beim Deutschen angelangt war, gab ich mir wirklich Mühe, zumindest die erste Lektion bis zum Ende zu lernen, doch das Einzige, was davon hängengeblieben ist, ist das zugegebenermaßen einfache Wort ‚Kuchen‘. Ich hätte mir aber auch nie träumen lassen, dass es von all diesen Sprachen ausgerechnet das Deutsche sein würde, das ich eines Tages wirklich brauchen würde, und dass ich viele Jahre später in Deutschland als Flüchtling enden und bitter bereuen würde, dass ich dieser Sprache nicht vorher schon genug Aufmerksamkeit geschenkt hatte.“ (Aus: Die Erfindung der deutschen Grammatik)

Gelungenes Komödiendebüt … Und es gibt eine Geschichte, die so komisch ist, dass sie einem Tränen in die Augen treibt.“ Sophie Elmenthaler, der Freitag

 

Assaf Alassafs Flüchtlingsgroteske Abu Jürgen kommt kafkaesk daher. Der Autor zeigt urkomisch und mit „geradezu existenzialistischer Tiefe“ (Deutschlandradio), dass der Wunsch, mit staatlichen Behörden per Du zu sein, kultur- und länderübergreifend ausgeprägt ist. Sind es doch Dokumente ebensolcher Behörden, die einem Türen öffnen können. Für Alassafs Hauptprotagonisten die Tür nach Deutschland. Deshalb ist für ihn die wichtigste Behörde in Syrien eine ausländische: die deutsche Botschaft.

Der gewiefte Mann möchte ein Visum für Deutschland ergattern, um mit Frau und Kindern schnell das Weite zu suchen. Von daher wäre es doch toll, persönlichen Kontakt zum Botschafter, den er liebevoll Abu Jürgen nennt, herzustellen. Mit einem eigenen Hashtag (#delicious_german_viza) beginnt er eine Kampagne auf Facebook, in der er deutsche Kulturgüter – von Gothes Faust bis zu zeitgenössischen deutschen Schlagertexten – preist und huldigt. Mit mäßigem Erfolg.

Doch wie es der Zufall will, lernen er und sein Abu Jürgen sich an einem Falafel-Imbiss kennen. Von da an traut der Leser seinen Augen nicht mehr, verkehrte Welten. Dem erhofften Helfer muss geholfen werden… Es entsteht eine scheinbare Zweckfreundschaft, dessen Ausgang nicht der eigentlichen Intention entspricht. Zweck und Mittel wechseln die Seiten.

Ein fulminanter, komischer Roman voller Selbstironie über die endlose Warterei auf ein Visum und über eine seltsam zärtliche und groteske Annäherung.

„#delicious_german_viza
Achtung, Achtung!
Liebe und Friede für alle Völker dieser Erde, in Asien, Afrika
und Lateinamerika.

Ich bitte euch, benutzt alle diesen Hashtag, den Hashtag der Kampagne für mein deutsches Visum. Ich bitte Sie, meine Dame, wenn Sie gerade von den langweiligen Gesprächsthemen Ihres Mannes genervt sind, hashtaggen Sie hier! Wenn Sie mal wieder die Nase gehörig voll haben von all dem Gekoche und Gebrate und Windelgewechsele, lassen Sie einfach alles stehen und liegen und kommen Sie zu uns, alleine oder in Begleitung Ihrer Freundinnen und Nachbarinnen: Dem Kaffee und der Shisha bei uns (genau wie die, die Abu Nachbarssohn zu stopfen pflegt) konnte bisher noch niemand widerstehen. Und du, Junggebliebener, der du 24 Stunden tagaus, tagein vor dem Internet verbringst: Komm, trink dein Bier mit deinen Kumpels und verfolge die Premier League, gleich hier, direkt unter unserem Hashtag. Das Lächeln der Hashtag-Hostess wirst du dein Leben lang nicht vergessen.

Demoiselle, lade deine Clique übers Weekend doch einfach zum Hashtag ein. Bei uns kannst du Shoppen gehen, außerdem gibt es unter unserem Hashtag Bodycare, Yoga, Aerobic und Sport – und das alles, ohne dass du dich dafür von der Stelle bewegen musst. Aber hallo, für dich melken wir sogar Vögel!

Meine lieben Freunde von der Opposition. Ihr könnt eure Konferenzen und politischen Versammlungen im zu unserem Hashtag gehörenden Konferenzsaal abhalten. Der Saal ist völlig frei von spitzen Gegenständen jeder Art und komplett mit Schaumgummi ausgepolstert. Hier könnt ihr nach Belieben Raufen, Überlaufen und untereinander Vorwürfe und Ohrfeigen austeilen.
Hier könnt ihr über alles schreiben. Über euren Alltag, eure Sehnsüchte, eure tiefsten Leidenschaften – weiß Gott, eure Leidenschaften bräuchten natürlich einen eigenen Hashtag und womöglich würde nicht einmal der ausreichen. (…)“ (Aus: Abu Jürgen)

„Eine Entdeckung: eine Perle in dieser Flüchtlingsdebatte.“ (ZDF/Aspekte)

 

Der Dresdner Musiker Demian Kappenstein hat in den vergangenen vier Jahren mit seinen Ensembles neun Länder bereist, die größtenteils abseits vom Pauschaltourismus liegen und dort Orte und Menschen kennengelernt, die verblüffende Geschichten erzählen.

Im Libanon führt eine Konzerttournee seiner Band Masaa direkt an die nördliche Grenze zu Syrien. Da geben sie abends ein wohlbehütetes Konzert an einer im Berg gelegenen Universität und wenn man vor die Tür tritt, sieht man im Tal die Rauchschwaden der Bombendetonationen hinter der syrischen Grenze.

Überall hat Demian Kappenstein seine Kamera mit dabei, spricht mit den Menschen und hält fest, was ihm auf- und gefällt. Die gesammelten Erlebnisse hat der Schlagzeuger und Klangbastler nun in einem abendfüllenden Konzert für Schlagzeug, Elektronik und Fotografie verarbeitet. Sein Instrument besteht neben herkömmlichen Trommeln auch aus Entdeckungen vom Schrottplatz und kurzgeschlossenem Elektrospielzeug.

Für READ!BERLIN spielt und zeigt Kappenstein Ausschnitte aus seinem Programm. Es trägt den Titel WEIT.

 

Rasha Abbas

Rasha Abbas

Rasha Abbas, geb. 1984, syrische Journalistin und Autorin, lebt derzeit in Berlin.
2008 veröffentlichte sie mit Adam hasst das Fernsehen ihre erste Kurzgeschichten-Sammlung und wurde dafür beim Damascus Capital of Arab Culture Festival mit einem Preis für neue Autoren ausgezeichnet. 2013 schrieb sie das Drehbuch für den Kurzfilm Zufriedenheit und Glück, der von der Bedayat Stiftung produziert wurde. Sie arbeitete als Autorin und Übersetzerin für die Anthologie Syria Speaks: Art and Culture from the Frontline (Saqi Books, London), 2014 erschienen. Im selben Jahr beendete sie ein Jean-Jacques Rosseau Fellowship, unterstützt von Schloss Solitude in Stuttgart, wo sie an ihrem zweiten Kurzgeschichtenband Des Pudels Kern (The Gist of it) arbeitete.

Assaf Alassaf

Assaf Alassaf

Assaf Alassaf, geb. 1976 im syrischen Deir ez-Zor. Studium der Zahnmedizin in Damaskus. Er arbeitet hauptberuflich als Zahnarzt und daneben als Journalist. Seit 2007 hat er zahlreiche Artikel in arabischen Tageszeitungen veröffentlicht. Im Jahr 2013 zog er von Damaskus nach Nouakchott in Mauretanien, wo er als Zahnarzt arbeitete. Seit Anfang 2014 lebt er in Beirut und arbeitet in einem medizinischen Zentrum für syrische Flüchtlinge. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Auf Facebook schreibt er seit 2013 literarische Anekdoten über die Revolution und den Krieg in seiner Heimat, über seine Reise nach Mauretanien, sein Leben im Libanon und die Zahnarztpraxis. Die Posts und Geschichten über Abu Jürgen entstanden in der Zeit zwischen November 2014 und Februar 2015.

© Foto LCB

Demian Kappenstein

Demian Kappenstein

Demian Kappenstein studierte von 2004 bis 2009 an der Hochschule für Musik in Dresden Jazzschlagzeug, freie Improvisation und zeitgenössische Musik. Von 2009-2011 war er Meisterschüler beim Komponisten und Schlagzeuger Eric Schäfer aus Berlin. Er ist Träger des Landesstipendiums des Freistaates Sachsen. Kappenstein arbeitete mit Musikern wie Rolf Kühn, Markus Stockhausen, Kurt Rosenwinkel, Arve Henriksen, Louis Sclavis und Robyn Schulkowsky. 2012 gewann er mit der Band Masaa den Bremer Jazzpreis und 2015 den RUTH Weltmusikpreis.

Bettina Kurth

Bettina Kurth

Bettina Kurth absolvierte die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und war von 1995-1999 Ensemblemitglied des Deutschen Theaters Berlin. Seither trat sie in zahlreichen Filmen und Fernsehserien auf. Mit Leidenschaft ist sie regelmäßig im Bereich Radiofeature, Hörbuchproduktion und TV-Dokumentation tätig.

 

Thomas Hübner

Thomas Hübner

Thomas Hübner, 47 Jahre alt, Studium der Deutschen Literatur und Erziehungswissenschaften. Er arbeitet seit 1999 als Freiberufler in den Medien, zuerst bei JazzRadio Berlin, seit 2001 beim rbb-Sender radioeins. Außerdem arbeitet er als Werbetexter, Synchronsprecher, Moderator und DJ, letzteres seit mehr als 20 Jahren.

Thomas Böhm

Thomas Böhm

Thomas Böhm, geboren 1968 in Oberhausen, war 1999 bis 2010 Programmleiter des Literaturhauses Köln, 2012 bis 2014 des internationalen literaturfestivals berlin, 2011 des Ehrengastauftritts Islands bei der Frankfurter Buchmesse und 2014 während der Leipziger Buchmesse Kurator von Auftritt Schweiz.

Termin

22.4.2016, 19:30 Uhr

Ort: Galli Theater| Map
Eintritt: 8,-/ erm. 6,- €

Ticket

 

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